[Buchbesprechung] Han Kang – Menschenwerk

Hallo ihr Lieben,

wie einige wissen, lese ich gerne Bücher aus für mich fremde Länder und ihre Geschichte. Südkorea ist für mich ein so unbekanntes Land und seine Geschichte ist mir alles andere als vertraut. So kam Han Kangs “Menschenwerk” genau richtig für mich. Ein Buch, dass einen eindringlichen Einblick in das Massaker von Gwanju gibt, und mich immer wieder erschaudert habt.  Ein Interview von Han Kang mit der FAQ gibt es hier. Dazu mehr in der Besprechung:


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Menschenwerk von Han Kang

Klappentext von der Verlagsseite:

“Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin. Und Sie, ebenso ein Mensch wie ich, welche Antworten können Sie mir geben?”

Ein Junge ist gestorben, und die Hinterbliebenen müssen weiterleben. Doch was ist ihnen ihr Leben noch wert? Han Kang beschreibt in ihrem neuen Roman, wie dehnbar die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit sind. Ein höchst mutiges Buch und ein brennender Aufruf gegen jede Art von Gewalt.

»Han Kang zu lesen ist wie in einen Strudel aus Brutalität und Zärtlichkeit geworfen zu werden, aus dem man durchgeschüttelt, perplex und tief bewegt wieder auftaucht.« Doris Dörrie

Autoreninfo von der Verlagsseite:

Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für ihr literarisches Schreiben wurde sie mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today’s Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul. Mehr Informationen zur Autorin: www.writerhankang.com

Erster Satz:

“Sieht nach Regen aus,” murmelst du.

Meinung:

Menschenwerk“ von Han Kang ist ein erschütterndes Buch, es hat mich tief berührt und zu Tränen gerührt. Mit ihrer eindrücklichen Sprache, die einige Leser sicherlich schon durch „Die Vegetarierin“ kennengelernt haben, erzählt sie vom Massaker und Niederschlagung des Aufstandes in Gwanju in der Zeit vom 18. Mai bis 27. Mai 1980.

Südkorea ist für mich verbunden mit Seoul, den Konflikt mit Nordkorea und vor allem mit einer starken Wirtschaftsnation in Asien. Dementsprechend neugierig war ich auf Han Kangs Werk, da es von einer ganz anderen Zeit des Landes erzählt, von einer Zeit in der das Militär mehr Macht hatte und die Menschen aus der Diktatur in eine Demokratie wechseln wollten.
In Gwanju engagierten sich Studenten und junge Menschen für einen Neuanfang der Gesellschaft, wie in den späten 60er Jahren in Deutschland und Europa, wollten auch sie eine Aufarbeitung der Vergangenheit und vor allen Dingen Freiheit. Dafür waren sie bereit auf die Straße zu gehen und für ihre Rechte zu demonstrieren. Nicht immer geht so eine Demonstration friedlich aus, wie die von 1989 in der DDR, sie kann auch brutal niedergeschlagen werden wie 1988 in China oder wie 1980 in Südkorea.
Han Kang erzählt im Epilog wie sie auf diese Phase der jüngeren südkoreanischen Geschichte kam und wie sehr sie auch die Recherche um den jungen Schüler Dong-Ho mitgenommen hat.

Für ihre Beschreibung und Erzählung der 9 Tage im Mai 1980 nutzt sie verschiedene Erzählperspektiven. Der erste Teil um Dong-Ho wird von einem Geist erzählt, der als allwissender Erzähler auftritt. Jener Geist begegnete mir im zweiten Kapitel wieder, da erfuhr ich dann auch zu wem er gehörte und was mit Dong-Ho geschah. Gerade die ersten beiden Kapitel mit ihren Schilderungen haben mich sehr mitgenommen. Ich musste das Buch immer wieder zur Seite legen und tief durchatmen. Durch Nachrichtenmeldungen schon auf so manches vorbereitet, erschreckt die eindrückliche Sprache Han Kangs immer wieder über das Geschehen. Ohne voyeuristisch das Grauen zu schildern gelingt es ihr, mir es bildhaft zu zeigen.

In den nächsten Kapiteln kommt es zu einem Zeitsprung. Das Massaker von Gwanju ist fünf Jahre her und ich begleite Eun-Suk, die mir bereits früher begegnet ist in ihrem neuen Leben. Sie arbeitet bei einem Verlag, aber das Grauen der Diktatur ist noch nicht vorbei. Der Zensor ist allgegenwärtig und jedes Manuskript muss genehmigt werden von der Behörde. Eun-Suk gerät wieder in die Fänge der Machthaber und wird brutal befragt.
Die Brutalität zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und dies wird mir auch noch in den späteren Kapiteln immer wieder deutlich. Egal wer erzählt, ob Jin-Su, Seon-Ju oder Dong-Hos Mutter, aus verschiedenen Perspektiven erzählt Han Kang das Grauen und die Gewalt der neun Tag im Mai 1980.

Je mehr ich in die Geschichte eindrang, je mehr ich las und erfuhr, umso stärker wurde mein Wunsch dieses Buch zu beenden, nicht weil es schlecht erzählt wäre, nein das ist es sicherlich nicht, sondern einfach nur wegen dem Geschehen von damals. Es gelingt ihr immer wieder mit ihrer melodischen Sprache, ihren Perspektivenwechsel von allwissenden Erzähler hin zum personalen Erzähler, das Grauen und das Geschehen lebendig zu halten. Sie erzählt auch von dem Leben nach den Tagen im Mai und danach war nichts mehr wie es vorher war. Die Schilderungen der Folter, der Tortur und auch die Verzweiflung sind greifbar und berührten mich bis ins Mark. Immer wieder liefen mir die Tränen übers Gesicht und ich fragte mich, wie grausam kann der Mensch nur sein. Vor allen Dingen, wenn man dann noch im Epilog erfährt, dass diese Brutalität und Tortur eindrücklich von oben angeordnet wurde. Die Demonstranten und Menschen keine Chance hatten auf ein Gelingen ihrer Idee hatten und damit in ihr Verderben rannten. Es erschüttert mich noch heute und ich kann die schlaflosen Nächte der Autorin verstehen, die sie im Epilog schildert. Der Kreis der Geschichte schließt sich mit dem Epilog und ist bis zum Ende hin stimmig.

Ich bin schon fast versucht es nicht zu Empfehlen aufgrund der geschilderten Grausamkeiten, die nicht in Form von Splatter-Horror-Romanen auftauchen, sondern einfach durch die Erzählsprache der Autorin so eindrücklich sind. Aber ich muss es einfach empfehlen, denn es zeigt wie weit Menschen gehen um den Status Quo und ihre Macht zu erhalten, wie weit ein Volk unterdrückt wird und wie weit Zensur und Überwachung gehen kann, wenn man die Zeichen der Zeit nicht erkennt und man nicht einen anderen Weg einschlägt.

Fazit

„Menschenwerk“ ist ein aufrüttelndes, trauriges, beklemmendes, zu Tränen rührendes Buch von einer mit sprachlicher Direktheit schreibenden Han Kang.

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Bibliografische Angaben:
Autor: Kang, Han  Übersetzer: Lee, Ki-Hyang Titel: Menschenwerk Originaltitel: Sonyeoni Onda  Reihe:Seiten: 224 ISBN: 978-3-351-03683-6 Preis:  20,00 € (Hardcover) Erschienen: 15.09.2017 bei Aufbau

Bewertung:

 

Für die Bereitstellung des Besprechungsexemplars bedanke ich mich herzlichst bei

 

Eure

Kerstin

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7 Antworten auf „[Buchbesprechung] Han Kang – Menschenwerk“

  1. Das will ich unbedingt lesen, danke für den Tipp! Ich lerne gerade Koreanisch und beschäfftige mich so auch mit Land, Leute & Geschichte. Dieses Buch passt da genau rein. Hab ein lesereiches WE, Kaat (die sich schon ganz doll auf deinen Lesemarathon freut.)

    1. Hallo Kaat,
      vielen Dank. Es ist ein sehr emotionales Buch und hey, du lernst koreanisch. Das ist ja toll. Wie weit bist du schon?
      Auf den Lesemarathon mit euch freue ich mich auch schon. :-)
      Dir ein wunderschönes Wochenende.
      Kerstin

      1. Ich bin mit meinem Koreanisch noch ganz am Anfang, aber es ist nicht halb so schwer, wie ich zunächst dachte. Und die Kultur ist so interessant, und so ganz anders als die Europäische. Wusstest du zum Beipiel, dass Koreaner an Blutgruppen glauben, wie Europäer an Sternzeichen?! LG, Kaat :)

        1. Hallo Kaat,
          ne, das wusste ich noch nicht und wieder etwas dazu gelernt. Ich weiß einfach viel zu wenig über Korea und Asien an sich. Es ist ein faszinierender Kontinent, aber irgendwie für mich auch so weit weg. Ich sollte mich wirklich mehr darüber informieren. “Menschenwerk” war da schon mal ein Einstieg, aber da muss es noch mehr geben. Dabei lese ich schon Murakami, aber ansonsten, noch nichts.
          Liebe Grüße
          Kerstin

          1. Wenn du nach Empfehlungen suchst hätte ich spontan ein paar parat ;) Kennst du schon “Als Mutter verschwand”, das ist auch von einer Koreanerin, nämlich Kyung Sook Shin oder “Zärtliche Klagen” von Yoko Ogawa, eine Japanerin, das hab ich gerade rezensiert, und es ist wirklich sehr lesenswert. LG, Kaat :)

          2. Hallo Kaat,
            Tipps sind immer gern gesehen. Oh, Yoko Ogawa habe ich ja auch noch im Regal stehen, nicht mit deinem vorgeschlagenen Tipp, sondern mit der Eulerschen Formel. Immer her mit den Tipps zu Asien.
            Liebe Grüße
            Kerstin

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