[Kolumne] Gibt es richtige und falsche Bücher?

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Letztens war es mal wieder so weit meine beste Freundin und ich hatten uns zu einem Kaffeeplausch in unserem Stammcafé verabredet. Da man vor dem Café nicht parken kann, habe ich ein Stück des Weges zu Fuß zurückgelegt. Die Sonne hat geschienen und es war für einen Märznachmittag angenehm war. An der Bushaltestelle vorbei gehend, sah ich eine junge Frau mit einem Buch in der Hand stehend auf ihren Bus warten. Neugierig wie ich bin habe ich versucht einen Blick auf das Cover zu erhaschen, um auch vielleicht den Buchtitel zu erkennen. Konnte ich auch. Es war “­Shades of Grey” von E.L. James. Ich musste schmunzeln, denn der Film läuft ja auch bald an. Etwas weiter saß auf der Bank ein junger Mann und hatte Markus ­Heitz “Die Zwerge” in der Hand und war am Lesen.

Ein wirklich schöner Anblick, dachte ich, junge Menschen die Bücher lesen und irgendwie ist das Medium Buch, trotz seines stetigen Abgesangs nicht totzukriegen. Langsam schlenderte ich weiter und ein Paar ging an mir vorbei, er mit Kopfhörern in den Ohren und sie war am Reden. Er konnte sie nicht verstehen, denn selbst ich hörte noch, dass er ein Hörbuch hören musste, aber seine Partnerin ignorierte dies geflissentlich und redete munter weiter. Überall Bücherliebhaber, das erfreut mein Bücherherz und ich betrat glücklich mein Lieblingscafé. Da meine beste Freundin sich mal wieder verspätete oder ich wie es öfters der Fall ist zu früh da war, setzte ich mich schon mal an den Tisch und holte mein Buch raus. Weder ein Erotikroman noch ein Fantasyroman, sondern “Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas. Ein Abenteuerroman und ein Klassiker dazu.

Am Nachbartisch hörte ich es kurz darauf tuscheln. “Schau mal, die liest.” In dem Moment überlegte ich mir schon, ob es so ungewöhnlich ist, dass man liest. Aber das Getuschel ging noch weiter. “Wieso setzt die sich dafür ins Café? Das kann man doch auch zu Hause machen. Meine Augenbrauen zuckten nach oben und ich schaute über mein Buch hinweg zum Nachbartisch, an dem zwei ältere Frauen saßen und schnell den Kopf wegtreten, als sie meinen Blick auf sich ruhen sahen. Ich vertiefte mich wieder in mein Buch und seufzte. Irgendwie scheint mein Blick die beiden Damen irritiert zu haben und sie ­redeten wieder miteinander, ohne mich weiter zu beobachten.

Ich blätterte die Seite um und nahm schon einen Schluck von meinem Cappuccino, als ich am Tisch gegenüber ­eine kleine Familie erblickte. Vater, Mutter und zwei Kinder – alle einträchtig nebeneinandersitzend. Eis beziehungsweise Kuchen verzehrend, dazu noch etwas am trinken, aber das Beste kam noch – jeder der Vier hatte ein Buch in den Händen und las. Über mein Gesicht huschte ein Lächeln und ich drehte meinen Kopf zu den beiden Damen herüber und auch die beiden, bemerkten die Familie. Wieder einmal kamen eigenwillige Bemerkungen rüber. “Die Kinder sollten sich besser bewegen, ansonsten werden sie faul und dick, anstatt zu lesen.” “Die sollten lieber mit den Kindern spielen oder reden an sich hinter ihren Büchern zu verstecken.” Oder auch einer meiner weiteren Lieblingssätze “Das Buch ist doch bereits verfilmt worden, wieso liest sie das denn noch. Der Film geht doch viel schneller.”
Hätten die beiden Frauen, dies doch nur leise miteinander besprochen, aber nein, sie wurden bald zu Rundfunkmelder und so blieb es nicht aus, dass nicht nur ich, sondern auch die Bücher liebende Familie auf sie aufmerksam wurde. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten, und zwar zu jeder despektierlichen Aussage der alten Damen. Dabei ­waren sowohl ­Mutter, Vater als auch die Kinder wortgewandter als die beiden Frauen. Meine Freundin war mittlerweile eingetroffen und beobachtete das Scharmützel mit einem sehr amüsanten Gesicht.

Die Frauen völlig davon überrascht, dass sie Kontra bekamen und Bücher aufgeklärt wurden, verstummten. Wer allerdings denkt, dass dies lange anhielt, der irrt. Bereits nach dem ersten Schreck stimmten sie wieder in den Kanon mit ein, dass Bewegung, gemeinsame Unternehmungen besser seien, als zu lesen. Denn Bücher seien reine Zeitverschwendung.Dies konnte nun keiner von uns auf sich sitzen lassen, weder die Familie noch ich und erst recht nicht meine Freundin, die mit Leib und Seele Buchhändlerin ist und sich nichts Schöneres als Bücher vorstellen kann. Mittlerweile erzählten uns die Frauen, dass sie früher schon gelesen hätten, aber dann nicht solchen Schund und sie deutet auf mein Buch und auf das Buch der Frau. In dem Moment musste ich laut lachen, denn meins war ein Klassiker. Der der Frau scheinbar ein Jugendbuch suggeriert hat und die Mutter der Kinder las “Die Seelen im Feuer” von Sabine Weigand und ihr Mann “Böses Blut” von Arne ­Dahl. Alles mit Sicherheit keine Schundliteratur, sondern gute Unterhaltung, gut recherchiert und spannend geschrieben. Nach dem Ich mich wieder gefasst hatte, fragte ich sie, was für sie denn gute Literatur wäre? Sie stutzt und antwortet dann mit Goethes Faust. Sicher gehört dies zur guten Literatur und meine Freundin fragt sie dann, ob sie es gelesen hätte. Sie verneint, denn Bücher sagen ihr nicht zu.

Okay, solche Menschen gibt es und ich verstehe sie auch manche ­schauen lieber Fernsehen oder Verfilmungen an, gehen ins Kino oder ins Theater. Für mich geht es immer darum, andere das Tun zu lassen was sie wollen, sofern es nicht gegen das Gesetz verstößt. Aber wieso meinen, dann gerade diese Leute anderen vorschreiben zu können, dass lesen reine Zeitverschwendung sei. Jedem doch das seine und jeder, wie er will.

Aber gibt es denn tatsächlich gute und schlechte Literatur? Und vor allem wer bestimmt, was gute oder schlechte Literatur ist? Mein Gegenüber, ich oder die Masse. Für jeden ist Literatur etwas anderes. Der eine liest zum Vergnügen und zur Entspannung. Der andere, weil er sich für das Thema des Buches interessiert. Ein anderer möchte in fantastische Welten abtauchen und entweder durch die Galaxis reisen oder den Hobbits in Mittelerde begegnen. Jemand anders liest lieber Sachbücher, oder nur Klassiker, weil sie ihm mehr geben. Ist daher ein Genre mehr Wert als das andere? In meinen Augen nein, für mich haben ­alle Genre ihre Daseinsberechtigung, da sie Leser anziehen egal welchen Alters, welchen Geschlechts oder welcher Herkunft. Literatur kann nicht nur zu Kontroversen und Diskussionen führen, sondern auch zum besseren Verstehen der Menschen.

Früher gab es den Begriff der Schundliteratur, in der unmoralische Literatur angeprangert wurde. Oder auch Trivialliteratur, die heutige schöne unterhaltene Literatur. Ich frage mich, was dagegen spricht, auch einmal einfach nur Literatur zu genießen, egal wie profan sie in den Augen der anderen ist. Es gibt so viele schöne Bücher. Mehr als 90.000 Titel werden jedes Jahr auf den deutschen Buchmarkt kommen, sicherlich können wir nicht alle Lesen, aber wir können sie genießen. Und wen nun einmal nicht das Medium Buch anspricht, bei dem funktioniert es vielleicht mit Hörbüchern oder halt mit den Filmen. Aber jeder sollte doch den anderen sein Vergnügen lassen.

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6 Antworten auf „[Kolumne] Gibt es richtige und falsche Bücher?“

    1. Hallo Xeniana,
      bisher gab es nur mal verwunderte Blicke bei manchen Büchern, aber so etwas wie die zwei alten Damen ist mir bis zu diesem Tag auch noch nicht untergekommen.
      LG
      Kerstin

  1. Hallo Kerstin,

    interessante Begegnung, ist mir in der Form bisher noch nicht untergekommen. Das Schöne wenn man unterwegs ist und liest ist die Tatsache, dass einen alle ignorieren und scheinbar nicht wahrnehmen. Man kann seine Nase in ein Buch stecken und ist nicht nur selbst irgendwie weg, sondern auch für die anderen nicht mehr so ganz da.

    Was Qualität von Literatur angeht, da kann man sich streiten. Ich für meinen Teil lese sehr gerne Klassiker, greife dann aber auch wieder zu einer seichten Schmonzette. Literatur hat viele Fassetten und vieles hängt von der aktuellen Stimmung, den Lebensumständen und davon ab, wie frei man gedanklich gerade ist. Eines habe ich die letzten Jahre aber immer wieder festgestellt: Es gibt keine, absolut keine Regel von der aus man ableiten kann, dass ein Buch gut oder schlecht ist. Am ehesten dient noch der Verlag als Indiz, aber im größten Schundverlag mit den vermeintlich größten Schundbüchern kann sich was erstaunlich gutes verbergen. Daher habe ich alle Scheuklappen abgelegt. Ich lese alles.

    Der Graf von Monte Christo ist ein absoluter Knaller. Sehr gute Wahl!

    Liebe Grüße
    Tobi

    1. Hallo Tobi,
      normalerweise kenne ich es auch so, dass ich zwar mal angeschaut werde, wenn ich lese, aber mit solchen Kommentaren werde ich ansonsten verschont. Aber diese beiden alten Ladys waren wirklich zwei besondere Exemplare. Die haben sich über alles Mögliche das Maul zerrissen.
      Und ja es hängt eindeutig von den Lebensumständen ab, was einem im Moment interessiert. Mir geht es nun so, dass ich sehr viele traurige Bücher von der Grundstimmung her gelesen habe und nun etwas lustiges brauche. Daher gibt es jetzt den Pratchett.
      Mir ist es aber auch schon vorgekommen, dass es auch Bücher bei Lieblingsverlagen von mir gibt, die dann doch nicht so der Brüller waren.
      Klassiker lese ich auch immer wieder mal gerne, wie nun “Der Graf von Monte Christo”.
      Ich denke, dass keiner sagen kann, was gut und was schlecht ist. Denn jeder hat einen anderen Geschmack. Für manche mag Pratchett kindisch sein, für andere ist er Kult oder zumindest gute Unterhaltung. Ebenso ist es bei Klassikern, wo auch manche meinen, die können einem nichts mehr geben, aber auch das sehe ich anders. Klassiker haben nun einmal etwas besonderes, denn sie werden ja zu Klassikern, weil sie über Jahrzehnte hinweg gelesen werden.
      Mittlerweile lese ich auch alles, naja zumindest fast. Es gibt immer noch Genres, die für mich heikel sind wie Horror und Dark Fantasy, aber da habe ich einfach noch nicht das passende Buch wohl gefunden.
      Liebe Grüße
      Kerstin

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