[Buchbesprechung] Cornelia Franz – Ins Nordlicht blicken

9783423782784_insnordlichtblickenKlappentext von der Verlagsseite:

Kann man die eigene Vergangenheit leugnen oder gar löschen?

Grönland im Jahr 2020: Eine immer grüner werdende Insel, das ewige Eis dramatisch geschmolzen. Der junge Bildhauer Jonathan Querido macht sich von Deutschland auf in seine alte Heimat – und muss sich dabei seinem eigenen dunklen Geheimnis stellen. Das, was damals vor neun Jahren passiert ist und zum Bruch mit seinem alten Leben führte, lässt noch heute Panik in ihm aufkommen. Was ist aus seinem Vater, seinen alten Freunden und seiner ersten Liebe Maalia geworden, nachdem ihn alle für vermisst und tot erklärt hatten? Was ist damals wirklich geschehen, auf dem Kreuzfahrtschiff MS Alaska von Grönland nach Hamburg?

  • Klima-Buchtipp der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V., Januar 2013

Autoreninfo von der Verlagsseite:

Cornelia Franz wurde 1956 in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Amerikanistik, vielen abenteuerlichen Reisen sowie diversen Jobs machte sie eine Ausbildung zur Verlagsbuchhändlerin und arbeitete als Lektorin für Reiseführer und Kunstbücher. Seit 1993 schreibt sie sehr erfolgreich Kinder- und Jugendbücher sowie Romane für Erwachsene. Cornelia Franz lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Erster Satz:

Es war eine klare, wolkenlose Nacht, in der Jonathan Querido in einem Liegestuhl an Deck der Alaska saß und versuchte, die Panik in den Griff zu bekommen, die ihn aus seiner Kabine getrieben hatte.

Aufbau:

“Ins Nordlicht blicken” von Cornelia Franz umfasst 288 Seiten. Bei jedem Kapitel ist in der Überschrift Handlungsort und Handlungszeit angegeben.

Inhalt:

Cornelia Franz’ “Ins Nordlicht blicken” erzählt die Geschichte des jungen Grönländers Pakku, der nach dem seine deutsche Großmutter gestorben ist, bei seinem alkoholkranken Vater in Nuuk (Grönland) aufwächst. Mittlerweile ist er siebzehn Jahre alt und er hadert mit seinem Leben, denn alles ist gleich, immer gleich, nie passiert irgendetwas und so hat er sich sein Leben nicht vorgestellt. Tagein, tagaus in der Krabbenpulerei zu arbeiten und nie von der Insel weg zukommen. Irgendetwas muss geschehen…

Meinung:

Das Cover von “Ins Nordlicht blicken” hat mich direkt angezogen. In einem atmosphärischen Grün gehalten steht ein junger Mann auf den Felsen und blickt sehnsüchtig auf das Meer. Wie gut das Cover zur Handlung passt wurde mir im Laufe der Handlung immer klarer. Denn Cornelia Franz’ Protagonist Pakku sehnt sich nach Veränderung und die bekommt er auch. Ob man sich selbst diese Art von Veränderung in der Form vorstellt, wie Pakku sie erlebt hat, sich wünscht bezweifle ich.

In zwei Handlungssträngen erzählt Cornelia Franz’ die Entwicklung auf Grönland. Ein Land, dass bereits heute sehr vom Klimawandel betroffen ist. Der erste Handlungsstrang spielt im Frühjahr 2011 in Nuuk und zeigt uns Pakkus Leben, das mehr als eintönig ist. Krabbenpulen, Computerspiele und Alkohol. Es gibt wenig Arbeit auf Grönland und Pakku ist mit seinem Leben unzufrieden. Der zweite Handlungsstrang wird aus der Sicht von Jonathan Querido im Jahr 2020 erzählt. Er lebt in Deutschland als Bildhauer und ist nun mit dem Schiff auf dem Weg nach Nuuk. Die Welt hat sich verändert. Der Klimawandel ist im vollen Gange, eine schwere Sturmflut hat New York überspült und auch ansonsten steht es um unsere Welt nicht gut. Auch Grönland hat sich verändert, das Eis ist geschmolzen, die Bevölkerung lebt nun noch stärker an den Küsten und durch den Klimawandel haben sich auch neue Arbeitsmärkte erschlossen.

Die ganze Zeit hat man das Gefühl, dass die beiden Handlungsstränge zusammengehören. Mit jedem Perspektivwechsel wird das große Puzzle, das Cornelia Franz entworfen hat immer ein kleines Stückchen kleiner und ein Teil reiht sich an das andere. Pakkus Motive werden immer deutlicher und auch Jonathans Hintergrund wird immer klarer.

Der Wechsel der Perspektiven und auch die gute Darstellung des Klimawandels, bei dem die Autorin kein Horror-Szenario entwirft, sondern eine realistische Zukunft beschreibt, haben mir gut gefallen. Probleme hatte ich lediglich mit einer Stelle gegen Ende, die ich etwas unrealistisch halte, aber im Hinblick auf die fiktive Geschichte einleuchtend ist. Daher ist dies nur ein kleiner Makel.

Cornelia Franz hat mir Grönland, ein Land von dem ich bis auf ein paar Dokumentationen aus dem Fernsehen so gut wie gar nichts wusste, näher gebracht. Oft hatte ich, währen des Lesens, das Gefühl wie Pakku auf den Felsen zu stehen und aufs Meer herauszublicken, die Sehnsucht nach etwas anderen, einem besseren Leben zu spüren, aber auch die Zweifel, ob man dies alles – den Vater, die Freunde und die Vergangenheit, seine Identität – zurücklassen soll für einen Neuanfang. Und ist es dann wirklich ein Neuanfang und nicht nur das Fortlaufen von den Problemen? Nimmt man die nicht mit?

Fazit

“Ins Nordlicht blicken” von Cornelia Franz ist nicht nur ein Buch über den Klimawandel und ein mögliches Szenario, sondern auch ein Buch über das Finden der eigenen Identität und des Ankommens im eigenen Leben.

Buchinfo:
Cornelia Franz – Ins Nordlicht blicken
Taschenbuch 288 Seiten
dtv pocket 2014
ISBN-13: 978-3-423-78278-4
Preis: 8,95 €

Bewertung:
 woerterkatzehalb

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[Buchbesprechung] Carmen Stephan – Mal Aria

u1_978-3-596-19525-1_malariaKlappentext von der Verlagsseite:

»Dieses Buch nimmt es mit dem ganzen Leben auf. Ein Wagnis für die Autorin, ein Glück für die Leser. Sie erfahren etwas Unvergessliches.« Roger Willemsen

Am Abend lief Carmen noch um die Wette am Strand – in der Nacht weckt sie ein kalter Schmerz. Kein Arzt in Brasilien weiß ihr zu helfen. Nur einer weiß alles: der Moskito, der Carmen gestochen hat … Immer tiefer verbindet er sich mit seinem Opfer, immer tiefer zieht er den Leser in diese Geschichte, die zugleich eine Parabel über die Unkontrollierbarkeit des Lebens ist.

Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2012

Autoreninfo von der Verlagsseite:

Carmen Stephan, geboren 1974, wohnt in München. Sie lebte als Autorin für mehrere Jahre in Rio de Janeiro. 2005 erschien der Geschichtenband ›Brasília Stories‹. ›Mal Aria‹ ist ihr erster Roman. Sie wurde dafür mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung 2012 und dem Debütpreis des Buddenbrookhauses 2013 ausgezeichnet.

Erster Satz:

Stellt euch die einfachen Fragen.

Aufbau:

“Mal Aria” von Carmen Stephan umfasst 13 Kapitel, deren Überschriften mit dem jeweiligen Tag gekennzeichnet ist, einem Motto, einem Vorwort und einen Vorbericht. Insgesamt hat “Mal Aria” 208 Seiten.

Inhalt:

Carmen, die seit einem Jahr in Brasilien als Architektin arbeitet, macht mit ihren Freund Carl eine Reise in den Dschungel nach Manaus. Irgendwo auf der Reise zwischen Manaus und der Küste wird sie von einem Moskito gestochen und erkrankt schwer. Keiner der Ärzte erkennt die Krankheit und nur eine weiß Bescheid, jene Anopheles-Mücke, die Carmen gestochen hat. Aus Solidarität bleibt die Mücke bei Carmen und immer mehr bekommt sie Zweifel und versucht die Menschen auf Carmens Krankheit aufmerksam zu machen, denn es ist Malaria.

Meinung:

Ein Buch über einen Moskito? Eine gewisse Skepsis schwang mit als ich mir das Buch kaufte, aber bereits die ersten Seiten als der Moskito beginnt zu erzählen haben mich gepackt. Denn Carmen Stephan gelingt es teilweise amüsant, teilweise tiefgründig, aber immer packend geschrieben. Gerade die kurzen Sätze und die oft sehr pointierte Darstellung der Geschichte der Malaria, macht das Buch zu einem Lesegenuss.

Carmen Stephan spielte auch mit meinen Emotionen, sie brachte mich zum Lachen, zum Nachdenken und auch zum Weinen. So viel Emotionen auf gerade mal 208 Seiten. Aber nun mal von Beginn an. Eigentlich sollte man diesen kleinen Moskito nicht mögen, der Carmen gestochen hat und man würde ihn am liebsten schlagen, aber dadurch, dass der Moskito ein Gewissen hat, geschieht genau das Gegenteil. Ich habe mitgefiebert, ob der Moskito es schaffen wird, den betriebsblinden Ärzten oder den Freunden einen Hinweis zu geben.

Und immer wieder streut Carmen Stephan Sätze ein, die man am liebsten anstreichen würde und teilweise geht dies seitenweise so. So viel Wissen, so gut pointiert, allein über die Ärzte, die die Krankheit als Dengue-Fieber erkennen und nicht über ihre einmal gefasste Meinung nachdenken können.

“Menschen, die nicht denken, sind überflüssig; sie sind gefährlich.”

In jedem der dreizehn Kapitel erzählt die Anopheles-Mücke ein Stückchen mehr über die Entdeckung der Malaria. Darüber das Malaria Kriege und Kreuzzüge entschieden hat und mehr Todesopfer als die schlimmen Krankheiten Cholera, Pest und Pocken forderte. Den Wettlauf der Wissenschaftler bei der Entdeckung der Krankheit, der lange Weg bis festgestellt wurde, dass nicht “schlechte Luft” alias “Mal Aria” der Grund für die Übertragung ist, sondern die Anopheles-Mücke. Auch berichtet sie über die afrikanischen Strategien gegen die Krankheit und das Wissen dort

“Es ist solange Malaria, bis alles andere ausgeschlossen ist.”

Traurig, dass Carmen sich nicht in Afrika angesteckt hat, sondern in Brasilien. Im Jahr 2004, in dem die Geschichte spielt, grassierte dort das Dengue-Fieber und nur an diese Krankheit dachten die Ärzte und eine unbehandelte Malaria führt unweigerlich nach vierzehn Tagen zum Tod. Die Behandlung zieht sich über Tage dahin und keiner erkennt die wirkliche Krankheit.

Gegen Ende hin wurde für mich die Geschichte immer schmerzvoller und trauriger. Ich fing an mich mit dem Sterben und den Tod auseinander zu setzen und auch der Moskito stellt sich die Frage, warum der Mensch den Tod verdrängt und davor Angst hat.

Carmen Stephan erzählt nicht nur die Geschichte der Malaria, sondern zeigt uns auch immer wieder auf, dass wir Menschen nicht unschuldig an der Krankheit sind. Durch das Abholzen der Regenwälder und die dadurch entstehenden Brachflächen, entstehen auch Tümpel und dort legen die Moskitos ihre Eier ab. Aber dies ist nicht die alleinige Ursache, Malaria ist immer noch eine Krankheit der armen Bevölkerungsschichten, denn die Reichen waren durch die entwickelten Vorbeuge-Medikamente etwas besser geschützt. Aber auch die Moskitos werden immer resistenter gegen die Medikamente.

Gerade die Mischung aus Fiktion und Realität und Frau Stephans Fähigkeit den Krankheitsverlauf von Carmen so eindringlich zu erzählen hat mich so an das Buch gefesselt, dass ich es innerhalb von zwei Tagen ausgelesen hatte. Und es klingt immer noch nach.

Fazit

“Mal Aria” ist ein packender, erschreckender und aufrüttelnder Roman über eine Krankheit. Mit ihrer einfachen, aber stets packenden Schreibstil hat Carmen Stephan ein großartigen Debütroman geschaffen, der mich durch ein Tal der Emotionen führte. Ein packendes Buch.

Buchinfo:
Carmen Stephan – Mal Aria
Taschenbuch 208 Seiten
Fischer 2013
ISBN-13: 978-3-596-19525-1
Preis: 9,99 €

Bewertung:

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[Aktion] Gemeinsam Lesen #98

Gemeinsam Lesen 2Eine gemeinsame Aktion von Weltenwanderer und Schlunzen-Bücher, ins Leben gerufen von Asaviels Bücher-Allerlei

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Ich lese zur Zeit “Mal Aria” von Carmen Stephan und bin auf Seite 99.

u1_978-3-596-19525-1_malariaKlappentext von der Verlagsseite:

»Dieses Buch nimmt es mit dem ganzen Leben auf. Ein Wagnis für die Autorin, ein Glück für die Leser. Sie erfahren etwas Unvergessliches.« Roger Willemsen

Am Abend lief Carmen noch um die Wette am Strand – in der Nacht weckt sie ein kalter Schmerz. Kein Arzt in Brasilien weiß ihr zu helfen. Nur einer weiß alles: der Moskito, der Carmen gestochen hat … Immer tiefer verbindet er sich mit seinem Opfer, immer tiefer zieht er den Leser in diese Geschichte, die zugleich eine Parabel über die Unkontrollierbarkeit des Lebens ist.

Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2012

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

Es regnete leise, als Carmen erwachte.

3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)

Ein Buch über ein Stechmücke und eine, wenn nicht gerade schnell erkannt wird, eine todbringende Krankheit “Malaria”. Carmen Stephan hat es bisher geschafft, die Geschichte der Malaria gekonnt mit dem Krankheitsverlauf bei ihrer Protagonistin Carmen rüber zu bringen. Erzählt wird die gesamte Geschichte aus der Sicht der Stechmücke. Durchaus ein interessanter Weg, der mir auch gut gefällt, denn die Mücke hat auch so etwas wie ein Gewissen und es tut ihr Leid, was sie getan hat und begleitet nun Carmen durch die Zeit ihrer Krankheit. Erschreckend finde ich, dass die Krankheit schwer zu bestimmen ist und man früher glaubte, dass sie durch schlechte Luft eben “Mal Aria” übertragen wird.

4. Gibt es eine Person in eurem aktuellen Buch, die ihr überhaupt nicht mögt? Wenn ja, warum? Und wenn ihr der Person etwas sagen könntet, was wäre das?

Wenn dann müsste ich die Mücke nicht mögen, denn sie hat Carmen in diese Situation gebracht, aber da sie ein Insekt ist, scheidet sie aus. Bleiben mir also nur die Ärzte, die auf Denguefieber die Behandlung durchführen und sich überhaupt keine Gedanken über andere mögliche Krankheiten machen. Denn Denguefieber grassiert in Rio 2004.

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