[Lesenacht] Büchertreff Februar 2015

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Jeden ersten Samstag Abend im Monat ist es soweit – die Büchertreff-Lesenacht. Immer um 20 Uhr treffen sich lesebegeisterte Büchertreffler im Forum und lesen gemeinsamihre Bücher und tauschen sich untereinander aus.
Für mich ist dies mittlerweile schon eine lieb gewonnene Institution, die ich mir nicht entgehen lasse, so auch diesen Abend. Die gesamte Woche habe ich schon überlegt, welches Buch ich lesen soll. Soll ich ein begonnenes weiter lesen oder doch ein neues speziell für die Lesenacht beginne. Schließlich habe ich mich heute entschieden und werde ein neues beginnen. Geworden ist es:

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Klappentext von der Verlagsseite:

Ostende, 1936: ein Strand, ein paar Schriftsteller und ein Sommer, wie es keinen mehr geben sollte

Ein belgischer Badeort mit Geschichte und Glanz: Hier kommen sie alle noch einmal zusammen, die im Deutschland der Nationalsozialisten keine Heimat mehr haben. Stefan Zweig, Joseph Roth, Irmgard Keun, Kisch und Toller, Koestler und Kesten, die verbotenen Dichter. Volker Weidermann erzählt von ihrer Hoffnung, ihrer Liebe, ihrer Verzweiflung – und davon, wie ihr Leben weiterging.
Stefan Zweig reist mit seiner Geliebten Lotte und der Schreibmaschine an, Joseph Roth kommt trotz Schnapsverbot, um Ferien mit seinem besten Freund zu machen und zu schreiben. Er verliebt sich ein letztes Mal: in Irmgard Keun, die bloß wegwollte aus dem Land der Bücherverbrenner. So sonderbar die Freundschaft zwischen dem Millionär Zweig und dem begnadeten Trinker Roth ist, so überraschend ist die Liebe zwischen Roth und der jungen, leidenschaftlichen Keun.
Es kommen noch mehr Schriftsteller nach Ostende. Sonne, Meer, Getränke – es könnte ein Urlaub unter Freunden sein. Wenn sich die politische Lage nicht täglich zuspitzte, wenn sie nicht alle verfolgt würden, ihre Bücher nicht verboten wären, wenn sie nicht ihre Heimat verloren hätten. Es sind Dichter auf der Flucht, Schriftsteller im Exil.
Präzise, kenntnisreich und mitreißend erzählt Volker Weidermann von diesem Sommer kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, in dem Zweig, Roth und Keun noch einmal das Leben feiern, wie es nur die Verzweifelten können.

»Weidermann ist ein exzellenter Stilist.« Die Welt

Heute Abend werde ich dann auch immer etwas zum Buch hier schreiben und euch meine Eindrücke vermitteln. Auch darüber, ob ich wieder Bücher für meine Wunschliste gefunden habe, denn dies war bisher bei fast jeder Lesenacht der Fall. Wir lesen uns also heute Abend wieder! Bis dann!

20.34 Uhr

Seit einer halben Stunde läuft die Lesenacht und ich bin schon eingetaucht in “Ostende” von Volker Weidermann. Begegnet ist mir schon Stefan Zweig, der am Fenster sitzt und so seine Schwierigkeiten mit seinen Roman hat. Erwähnt wurden bisher auch Joseph Roth, Irmgard Keun, Ernst Toller und Hermann Kesten. Kann sein das ich jemanden vergessen habe, aber der Name wird sicherlich noch mal heute Abend auftauchen.
Jedenfalls bin ich froh, dass ich auch Volker Weidermanns Buch “Das Buch der verbrannten Bücher” noch auf meinem SuB liegen habe. Dieses Buch wird mit Sicherheit auf der nächsten Leseliste stehen. Und von Irmgard Keun steht auch noch ein Buch auf dem SuB – “Nach Mitternacht” – also noch genug Lesestoff zu den Autoren, die nun in Ostende zusammen gekommen sind.

21:58 Uhr

Seufz. Das Netz war zusammen gebrochen und die letzte dreiviertel Stunde war ich damit beschäftigt es wieder in Gang zu bringen. Dennoch habe ich etwas gelesen und bin erstaunt, denn ich kenne Stefan Zweig nur als Pazifist, dass er so an einen deutschen Sieg 1914 geglaubt hat. Auch nun im Jahr 1936 scheint er mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu leben, denn er denkt immer wieder an das Ostende von 1914. Das sein damaliger Lieblingsdichter die Gräueltaten der Deutschen im 1. Weltkrieg gegen über den Belgiern so dichterisch beschreibt, hat ihn damals entsetzt. Als ob dies sein Idol vom Sockel geholt hätte.
Bisher gefällt mir nach 26 Seiten der Schreibstil von Volker Weidermann sehr gut. Er schreibt nüchtern und beschreibt eher die Zeit als das er die Akteure zu Wort kommen lässt. Eher wie ein Chronist als ein Erzähler. Das passt mir im Moment sehr gut.

22.24 Uhr

Ich finde es faszinierend wie unterschiedlich Stefan Zweig und Joseph Roth auf die Machtübernahme reagieren. Roths Bücher wurden schon zu Beginn verbrannt und Zweig durfte, obwohl in Berlin seine Bücher verbrannt wurden, noch einige Zeit in Deutschland veröffentlichen. 1936 ist auch dies Geschichte.
Stefan Zweig ist für mich immer mehr ein Träumer, der sich in seine Welt einschließt und nicht wirklich das Geschehene überblickt. Joseph Roth hingegen sieht es und ist aufgebracht darüber. Er ärgert sich auch immer wieder über die Tatenlosigkeit von Zweig, aber ändern kann er ihn auch nicht.
Interessant finde ich auch, dass für Stefan Zweig Salzburg nach dem Auftauchen der Polizei in seinem Haus, ihn der Aufenthalt dort verleidet ist und er in London lebt, und er wie auch Weidermann schreibt eher Luxusprobleme hat, als wirkliche.
Vielleicht kommt nun etwas mehr über Joseph Roth, ich würde mich jedenfalls freuen.

23.41

Jesses, ist Joseph Roth depressiv. Alkoholiker, arm und lebt dann auch noch über seinen finanziellen Möglichkeiten. Es ist ein Rastloser, kann nicht an einem Ort leben, sondern reist von Hotel zu Hotel. Auch erfahren wir so einiges über seine Familienverhältnisse und gelinde gesagt, er ist ein Feigling und weiß sich nicht anders zu helfen, als einfach abzuhauen oder gar nicht zu antworten.
Jetzt ist mir auch einiges klar geworden in Bezug auf sein Werk “Hiob”, dass ich zu Schulzeiten gelesen habe. Das muss ich nun wirklich noch einmal aus dem Regal ziehen, denn er hat seine erste Frau Friedl, in dem Buch verewigt. Damals haben wir zwar das Buch gelesen, aber viel Hintergrund zur Entstehung haben wir nicht besprochen.
Zweig schafft es nun schließlich, auch so eine Figur, die mit zwei Frauen gleichzeitig lebt, Roth nach Ostende zu locken. Er hat immer noch den Ehrgeiz Roth vom Trinken abzuhalten, aber ob ihn dies gelingen wird? Ich wage es zu bezweifeln.

00.45

Roth ist in Ostende eingetroffen und Zweig versucht ihn immer noch vom Trinken abzuhalten. Irgendwann wird sich Roth wohl noch zu Tode gesoffen haben, aber wohl nicht mehr in dem Sommer 1936.
Eine weitere Emigrantin ist aufgetaucht: Irmgard Keun. Sie ist keine Jüdin, aber führte einen Kampf gegen den Staat, da sie nicht verstehen konnte, weshalb ihre Bücher verbrannt wurden. Schließlich ist sie im Mai 1936 nach Ostende emigriert und verlegt nun bei einem Verlag in Amsterdam. Sie ist schon eine besondere Persönlichkeit, am besten kann man es mit Kestens Worten beschreiben

“Sie war naiv und brillant, witzig und verzweifelt, volkstümlich und feurig und kein Fräulein mehr mit dem man tanzen gehen wollte, sondern eine Prophetin, die anklagt, ein Prediger, der schilt, ein politischer Mensch, der eine ganze Zivilisation verschlämmen sah. Alles an ihr sprach und lachte und höhnte und trauerte.” (S. 60)

Ebenso gibt sie sich auch im Exil und sie lässt in Deutschland ihren Mann und ihre Mutter zurück. In Ostende stellt Kisch sie in einem Café Zweig und Roth vor. In Joseph Roth, bei dem sie direkt Traurigkeit feststellt und irgendwie glaubt, dass er untergehen wird, findet sie einen Seelenverwandten. Zweig wird begeistert sein, denn Keun ist auch sehr trinkfreudig.

Weidermann schafft es immer mehr mich in den Bann zu ziehen, auch wenn er wirklich wie ein Chronist jenen Sommer 1936 in Ostende wieder aufleben lässt, ist es sehr bildreich und absolut packend. Gelegentlich habe ich das Gefühl selber die Meeresluft und auch Ostende zu sehen wie es damals war. Ein wundervolles Buch.

02.13 Uhr

Die letzten Seiten lasen sich wie im Flug. Volker Weidermann hat einen wundervollen Roman über die Exilanten geschrieben. Über einen letzten Sommer der Freundschaft. Über Menschen, von denen wir teilweise schon gehört und deren Bücher wir gelesen haben. Ich bin immer noch sprachlos und zu tiefst beeindruckt von seiner Art, diesen Autoren ein Gesicht zu geben. Er hat mir Stefan Zweig, Joseph Roth und Irmgard Keun näher gebracht, aber auch Kisch, Kester und Toller. Über einige werde ich mit Sicherheit noch Biographien suchen oder einen Teil ihrer Werke lesen. “Ostende. 1936 – Sommer der Freundschaft” ist grandios und wird mit Sicherheit bei mir noch so einiges Zeit nach hallen. In den nächsten Tagen wird es dazu dann auch eine Besprechung geben, aber erst einmal muss ich meine Gedanken und Gefühle sammeln.

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Gesammelte Schätze und Zitat 2013 – Februar

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Der Februar ist nun auch schon bald vorbei und meine gesammelten Schätze möchte ich euch nicht vorenthalten. Zum einem gibt es sie hier und dann noch mal auf der Challenge-Seite.

Carsten Sebastian Henn – Die letzte Reifung, Piper 2012

“Hätte Gott gewollt, dass Menschen fliegen, dann hätte er ihnen Propeller wachsen lassen.” (S. 53)

Tess Gerritsen – Todsünde, Blanvalet 2006

“Die Götter lächeln auf uns herab, und dann bekommt die Liebe tatsächlich einmal eine reele Chance.” (S. 410)

Ritta Jacobsson – Gefährliches Schweigen, Kosmos 2011

“Das Leben ist nicht nur ein Tanz auf Rosen, man muss auch die Dornen aus den Fußsohlen rausziehen (…).” (S. 73)

 

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Shane Jones – Thaddeus und der Februar

Klappentext:
Viele hundert Tage schon währt die kalte Herrschaft des Februars: Der Wechsel der Jahreszeiten ist außer Kraft gesetzt, Papierdrachen dürfen nicht mehr zum Himmel aufsteigen, Kinder verschwinden im Wald. Traurigkeit legt sich über die Stadt wie der Schnee, der endlos fällt, doch die Erinnerung an warme Tage lebt weiter. Die Stadt beschließt, in den Kampf zu ziehen, den Winter zu besiegen, und Thaddeus, der Ballonfahrer, soll ihr Anführer sein. Dann stößt Thaddeus in einer Hütte am Stadtrand auf den Februar selbst: Es ist ein trauriger junger Mann, der eine Geschichte schreibt – die Geschichte der Stadt…

Inhalt:
Die Stadt, in der Thaddeus mit seiner Frau Selah und seiner Tochter Bianca lebt, liegt im ewigen Winter. Schuld daran hat der Februar, der den Stadtbewohnern immer neue Qualen auferlegt. Seit mehreren Tagen haben sie schon nicht mehr die Sonne gesehen und alles was sie sehen ist Schnee, nichts als Schnee. Irgendwann wird es denStadtbewohnern zu viel und eine Gruppe, die sich “Ausweg” nennt versucht eine Revolte gegen Februar anzuzetteln.
Als dann auch noch Thaddeus Tochter Bianca verschwindet, eines von vielen mittlerweilen vermissten Kindern, wird es Thaddeus zu viel und er schließt sich mit Caldor Clemens “Ausweg” an. Denn auch ihm wird nun die Herrschaft des Februars, der sich wie ein Diktator aufführt zu viel. Sie beginnen ihren Kampf gegen den Februar auf vielerlei Arten, sie bauen einen Leuchtkasten, der ihnen das Gefühl von Sommer geben soll, sie versuchen den Schnee zum Schmelzen zu bringen. Aber bei all ihren Bemühen, schadet ihnen Februar wieder,in dem er ihre Häuser, Tiere und auch die Menschen mit Moos bewachsen lässt, dass ihnen jegliche Möglichkeit zum Atmen nimmt. Damit ist er nun endgültig zu weit gegangen und die Bewohner beschließen ihn aufzusuchen, genauer gesagt, wird beschlossen das Thaddeus ihn besucht und mit ihm redet. Dies geschieht auch und Thaddeus kehrt anders zurück als erwartet. Wird die Stadt den Kampf gegen den Februar verlieren, werden die Bewohner nie wieder glücklich werden?

Meinung:
“Thaddeus und der Februar” von Shane Jones ist keine gewöhnliche Erzählung, sondern ein stückweit philosophisch.
Die einzelnen Ereignisse sind sehr bildhaft beschrieben und man hat das Geschehen direkt vorm Auge. Auch der Erzählstil birgt einige Besonderheiten, so wird der Kampf gegen den Februar nicht von einer einzigen Person erzählt, sondern die einzelnen Protagonisten der Handlung und ein Beobachter erzählen das Geschehen. Dies macht es dem Leser zu Beginn schwierig in die Geschichte einzusteigen. Eine gute Hilfe sind dabei die Kapitelüberschriften an denen der Leser erkennen, wer gerade erzählt.Gut ist das Shane Jones nicht nur den Kampf der Stadtbewohner gegenüber dem Februar beschreibt, sondern auch die Zweifel Februars anhand der Listen, die dieser anlegt aufzeigt. Schwierig ist lediglich der Geschichte immer wieder zu folgen und alles richtig zu verstehen, da dies doch in manchen Situationen zum Ende hin schwierig wird.
Ein besonderes Highlight für mich ist die Gestaltung des Buches. Nicht nur das Cover mit dem Ballon und dem Leuchtkasten ist besonders schön und die Struktur des Papiers, sondern auch die Einbandgestaltung. Nimmt man den Schutzumschlag ab, sieht man die Stadtbewohner, wie sie versuchen Löscher in den Himmel zu stoßen und die Elche mit einem langen Band “Krieg dem Februar”. Diese schöne äußere Gestaltung zieht sich in der Geschichte weiter, immer wieder tauchen wunderbare Zeichnungen zur Handlung in dem Buch auf.
All dies zusammen macht dieses Buch lesenswert und zu einem wahren Highlight. Es hat mir einen vergnüglichen Samstagnachmittag beschert und mich immer wieder ins Staunen versetzt.

Buchinfo:
Shane Jones: Thaddeus und der Februar (Light Boxes)
Hardcover 176 Seiten
Eichborn 2010
ISBN-13: 978-3821861074

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